Eine Dokumentation
Über 2,5 Millionen Menschen in Deutschland tragen eine einzigartige Geschichte in sich — geprägt von Aufbruch, Leid, Hoffnung und dem Brückenschlag zwischen zwei Welten.
Geschichte entdeckenAls Russlanddeutsche werden die Nachkommen deutscher Siedler bezeichnet, die seit dem 18. Jahrhundert in das Russische Reich auswanderten.
Sie folgten dem Ruf der Zarin Katharina II., die 1763 mit ihrem Einladungsmanifest europäische Kolonisten ins Land holte — mit dem Versprechen von Land, Religionsfreiheit und Steuerbefreiung.
Über Generationen hinweg bewahrten sie ihre deutsche Sprache, Kultur und Traditionen — und schufen dabei etwas völlig Eigenes: eine Identität zwischen zwei Welten, die bis heute Millionen von Menschen in Deutschland prägt.
"Wir haben unsere Heimat verloren, aber nie unsere Identität."
Von Katharinas Manifest bis zur Gegenwart — über 260 Jahre in Stationen
Zarin Katharina II. — selbst eine Deutsche aus Anhalt-Zerbst — erlässt das Einladungsmanifest. Tausende Deutsche aus Hessen, der Pfalz, dem Rheinland und Schwaben folgen dem Ruf. Sie erhalten Land, Religionsfreiheit und 30 Jahre Steuerbefreiung. Die ersten Siedlungen entstehen an der Wolga.
Die deutschen Siedlungen wachsen zu prosperierenden Gemeinden. Über 3.000 Kolonien entstehen — mit eigenen Schulen, Kirchen, Zeitungen und Selbstverwaltung. Die Wolgadeutschen, Schwarzmeerdeutschen und Kaukasiendeutschen entwickeln jeweils eigenständige Kulturen. Deutsche Landwirte gelten als die fortschrittlichsten im ganzen Russischen Reich.
Zar Alexander II. hebt die Sonderrechte der deutschen Kolonisten auf. Russifizierungspolitik und allgemeine Wehrpflicht beginnen. Eine erste Auswanderungswelle setzt ein — vor allem Mennoniten ziehen nach Kanada, Brasilien und Paraguay. Doch die Mehrheit bleibt und passt sich an.
Der Krieg gegen Deutschland macht die Russlanddeutschen zu Verdächtigen im eigenen Land. Die "Liquidationsgesetze" von 1915 drohen mit Massenenteignung. Die Revolution 1917 stoppt die Deportationspläne — bringt aber neues Chaos. Bürgerkrieg, Hungersnöte und Anarchie verwüsten die Kolonien.
Die Sowjetunion gründet die ASSR der Wolgadeutschen — die einzige deutsche Autonomie auf russischem Boden. Hauptstadt: Engels (ehemals Pokrowsk). Eigene Schulen, Theater, eine deutschsprachige Zeitung "Nachrichten" und ein Pädagogisches Institut entstehen. Für 17 Jahre lebt die Hoffnung auf eine gesicherte Zukunft.
Stalins Zwangskollektivierung trifft die als "Kulaken" gebrandmarkten deutschen Bauern besonders hart. Vieh, Land und Vorräte werden beschlagnahmt. 1932/33 sterben Zehntausende in der Hungersnot. Kirchen werden zu Lagerhäusern umfunktioniert, Geistliche in den Gulag deportiert. Die Große Säuberung 1937/38 vernichtet die russlanddeutsche Intelligenz.
Der Erlass "Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben" ordnet die totale Deportation an. In nur 24 Stunden müssen Familien ihr gesamtes Leben in einen Koffer packen. Viehwaggons bringen über 900.000 Menschen nach Sibirien und Kasachstan. Die ASSR wird aufgelöst. Kinder werden von Eltern getrennt. Viele überleben den Transport nicht.
Alle arbeitsfähigen Russlanddeutschen zwischen 15 und 55 Jahren werden in die Arbeitsarmee (Trudarmee) eingezogen. Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen: Kohlebergwerke, Holzfällerlager, Eisenbahnbau. Die Sterblichkeitsrate liegt bei bis zu 30%. Familien bleiben jahrelang getrennt. Bis 1955 stehen alle Russlanddeutschen unter Kommandanturaufsicht — de facto Gefangene im eigenen Land.
Bundeskanzler Konrad Adenauer verhandelt in Moskau die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Als Nebeneffekt wird die Kommandanturaufsicht über die Russlanddeutschen aufgehoben. Doch eine Rückkehr an die Wolga bleibt verboten. Das Vermögen — Häuser, Land, Betriebe — wird nie zurückgegeben. Die Rehabilitation bleibt ein Versprechen.
Immer mehr Russlanddeutsche stellen Ausreiseanträge — und riskieren damit alles. Antragsteller werden als "Verräter" gebrandmarkt, verlieren Arbeit und Wohnung. Manche warten 10 Jahre und länger. Die Bewegung wird zur Massenbewegung. Kirchengemeinden und Familienbriefe halten die Verbindung nach Deutschland am Leben.
Der Eiserne Vorhang fällt — und die größte Migrationsbewegung der deutschen Nachkriegsgeschichte beginnt. Allein 1994 kommen über 213.000 Spätaussiedler. Insgesamt siedeln rund 2,5 Millionen Russlanddeutsche nach Deutschland über. Das Grenzdurchgangslager Friedland wird zum Symbol: Hier beginnt das neue Leben. Koffer, Tränen, Hoffnung — und der Geruch von deutschem Brot.
Russlanddeutsche sind heute fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft — in Sport, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Gleichzeitig bewahren viele ihre einzigartige Identität als Brückenbauer zwischen Ost und West. Eine junge Generation entdeckt ihre Wurzeln neu: mit Podcasts, Dokumentarfilmen und Social Media. Die Geschichte wird endlich erzählt — von denen, die sie leben.
Was die Russlanddeutschen über Jahrhunderte bewahrt und neu geschaffen haben
Die Russlanddeutschen bewahrten ihre Dialekte über Jahrhunderte: Wolgadeutsch (hessisch-pfälzisch geprägt), Schwarzmeerdeutsch (schwäbisch) und Plautdietsch (mennonitisches Niederdeutsch, heute noch von ca. 400.000 Menschen weltweit gesprochen). Nach der Deportation kam Russisch als Alltagssprache hinzu.
Typisch am Esstisch: Oma spricht Dialekt, Eltern Russisch, die Enkel antworten auf Hochdeutsch. Dieser gelebte Trilingualismus ist weltweit einzigartig — und droht mit der Erlebt-Generation zu verschwinden.
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Der Glaube war das Rückgrat — auch unter sowjetischer Verfolgung. Lutheraner (Mehrheit der Wolgadeutschen), Katholiken (Schwarzmeerdeutsche), Mennoniten und Baptisten hielten ihre Gemeinden im Untergrund am Leben. Heimliche Gottesdienste in Wohnzimmern, Bibeln unter Dielenbrettern versteckt. Heute sind russlanddeutsche Freikirchen eine der am schnellsten wachsenden Gemeinden in Deutschland.
Wareniki (Teigtaschen mit Quark oder Kirschen), Borschtsch mit Schmand und Dill, Kreppel (Krapfen), Riwwelkuchen (Streuselkuchen), Plov (Reisgericht aus Zentralasien) — die russlanddeutsche Küche erzählt in jedem Gericht die Geschichte zweier Heimaten. Die Rezepte werden mündlich weitergegeben, jede Familie hat ihre eigene Version.
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Das Akkordeon (Bajan) ist das Instrument der Russlanddeutschen. Kirchenchöre, Volkslieder in deutschen Dialekten, das Erntefest (Kerb) — auch in der Verbannung wurde gesungen und gefeiert. Heute organisiert das BKDR Nürnberg regelmäßig Musikabende, und der Steppenkinder-Podcast bringt die Geschichten der Community in die Kopfhörer einer neuen Generation.
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Die deutschen Kolonien waren schon von Weitem erkennbar: Schnurgerade Straßen, weiß gekalkte Häuser mit farbigen Fensterläden, ein Kirchturm als Mittelpunkt. An der Wolga entstanden über 100 Dörfer — viele benannt nach den Herkunftsorten: Straßburg, Mannheim, Basel. Die Siedler brachten fortschrittliche Landwirtschaft mit: Senfanbau (Sarepta-Senf ist bis heute eine Marke in Russland), Tabak und moderne Bewässerung.
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In Kasachstan die "Faschisten", in Deutschland die "Russen" — die russlanddeutsche Identität ist eine Brückenidentität. Jüngere Generationen entdecken ihre Wurzeln neu: Der Podcast "Steppenkinder" erreicht Tausende, Dokumentarfilme wie "Nemez" gewinnen Preise, auf Instagram und TikTok teilen junge Russlanddeutsche stolz ihre Familiengeschichten. Der JSDR organisiert Jugendkongresse. Die Community wird sichtbarer als je zuvor.
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"In Kasachstan waren wir die Faschisten.— Viktor S., Aussiedler seit 1992
In Deutschland sind wir die Russen.
Wo gehören wir hin?"
Stimmen aus drei Generationen — vom Aufbruch bis zum Ankommen
"Wir hatten zwei Stunden, um unser ganzes Leben in einen Koffer zu packen. Ich war neun Jahre alt. Mein Vater hob mich auf den Waggon. 'Wir kommen wieder', sagte er. Wir kamen nie wieder. Den Geruch des Zuges nach Kasachstan — Kohle, Angst und nasses Stroh — werde ich nie vergessen."
Elsa M.
*1932 in Engels/Wolga, deportiert nach Kasachstan, ausgesiedelt 1993 nach Nürnberg
"Zehn Jahre haben wir auf die Ausreise gewartet. Man hat mich degradiert, meine Frau wurde gekündigt. Die Nachbarn haben uns gemieden. Als wir endlich im Flugzeug saßen, hat mein Sohn geweint. 'Warum fahren wir in ein Land, das wir nicht kennen?' Er war acht. Heute ist er Ingenieur in Stuttgart."
Viktor S.
*1958 in Karaganda/Kasachstan, ausgereist 1992 nach Stuttgart
"Meine Oma spricht Plautdietsch mit mir, meine Eltern Russisch, und ich antworte auf Deutsch. Beim Abendessen stehen Piroggen neben Maultaschen. Meine Freunde fragen mich manchmal, 'was ich eigentlich bin'. Ich bin alles davon. Das ist meine Normalität — und mein Reichtum."
Alina K.
*1998 in Stuttgart, Studentin der Kulturwissenschaften
Die russlanddeutsche Geschichte in Daten
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Die 1990er waren das Jahrzehnt der großen Aussiedlung. Allein 1994 kamen über 213.000 Menschen — der absolute Höhepunkt.
Bücher, Filme und Ressourcen zum Vertiefen
DW Dokumentation über die Geschichte und Gegenwart der Russlanddeutschen. Woher kommen sie, was haben sie erlebt, wie leben sie heute?
20 Gerichte, die in keinem russlanddeutschen Haushalt fehlen — von Omas Wareniki bis zum kasachischen Plov

Teigtaschen mit Quarkfüllung — das Sonntagsgericht. Mit Schmand und Butter.
Omas Tipp: Ränder immer doppelt andrücken — mit der Gabel.

Leuchtend rote Rote-Bete-Suppe mit Schmand und Dill — schmeckt am nächsten Tag noch besser.
Omas Tipp: Nach der Rote Bete nicht umrühren — nur den Topf sanft schwenken, sonst wird die Farbe trüb.

Kräftige Rinderbrühe mit handgemachten Eiernudeln — Omas Allheilmittel.
Omas Tipp: Die Nudeln auf einem sauberen Geschirrtuch trocknen — je dünner, desto besser. Und die Brühe nie stark kochen, nur ziehen lassen.

Zentralasiatisches Reisgericht mit Lamm, Karotten und Kreuzkümmel — aus der kasachischen Zeit.
Omas Tipp: Den Reis nie umrühren — er gart im Dampf über der Fleischsoße. Das ist das Geheimnis.

Große gebackene Hefeteigtaschen mit Fleisch-Zwiebel-Füllung. Das Festessen.
Omas Tipp: Die Füllung roh einfüllen — das Fleisch gart im Teig und bleibt saftig.

Klare Hühnerbrühe mit handgeschnittenen Nudeln — das Erkältungsmittel Nr. 1.
Omas Tipp: Je dünner die Nudeln, desto besser. Auf einem bemehlten Tuch trocknen lassen.

Hauchdünner Strudelteig mit Apfelfüllung, Rosinen und Zimt. Sonntagsklassiker.
Omas Tipp: Man muss eine Zeitung durch den Teig lesen können — so dünn muss er sein.

Gedämpfte Hefeklöße mit Vanillesoße — luftig, süß, tröstlich.
Omas Tipp: Wer den Deckel öffnet, bevor die Zeit um ist, dem fallen sie zusammen!

Saftiger Hefekuchen mit dicker Streuselschicht — das Stück Heimat vom Blech.
Omas Tipp: Die Streusel müssen grob sein — nicht zu fein krümeln, sonst wird's kein richtiger Riwwelkuchen.

Fermentiertes Brotgetränk — erfrischend, leicht säuerlich. Der Sommer-Drink.
Omas Tipp: Je dunkler das Brot, desto kräftiger der Kwas. Und: Nicht zu lange stehen lassen — sonst wird's Essig!

Dünner geschichteter Teigfladen mit Kürbisfüllung — süß, buttrig, moldawisch beeinflusst.
Omas Tipp: Geht auch mit Kartoffeln oder Quark statt Kürbis.

Sämige Kartoffelsuppe mit Speck und Schnittlauch — wärmt Leib und Seele.
Omas Tipp: Nicht pürieren — die Suppe muss stückig sein.

Luftige frittierte Teigstücke mit Kefir — gedreht, goldbraun, innen weich. Mit Marmelade oder Schmand.
Omas Tipp: Den Kefir unbedingt zimmerwarm nehmen, damit das Natron richtig reagiert. Dazu Marmelade, Honig oder Schmand.

Kohlrouladen mit Hack-Reis-Füllung in Tomatensoße — herzhaft und sättigend.
Omas Tipp: Kohl kurz einfrieren und wieder auftauen — dann lassen sich die Blätter leichter lösen.

Kleine Fleischteigtaschen — hundertfach geformt, in Brühe oder mit Butter serviert.
Omas Tipp: Auf Vorrat machen und einfrieren — das Sonntagsessen für faule Tage.

Saftiger Hefekuchen mit dunkler Mohnfüllung — auf jeder Hochzeit dabei.
Omas Tipp: Mohn immer frisch mahlen — fertig gemahlener Mohn wird schnell bitter.

Einfach, herzhaft, deutsch: Sauerkraut mit Salzkartoffeln und Räucherwurst.
Omas Tipp: Das Sauerkraut nicht waschen — die Milchsäure ist das Gute daran.

Zentralasiatische Nudelsuppe mit gezogenen Nudeln, Lamm und Gemüse.
Omas Tipp: Handgezogene Nudeln brauchen Übung — aber der Geschmack ist unvergleichlich.

Milchsauer eingelegte Gurken — knackig, würzig, zu allem passend.
Omas Tipp: Ein Stück Meerrettichwurzel hält die Gurken knackig.

Große gedämpfte Teigtaschen mit würziger Lammfüllung — kasachisches Festessen.
Omas Tipp: Das Wasser in der Füllung macht die Manty saftig — nicht weglassen!
Schlüsselbegriffe zum Verständnis der russlanddeutschen Geschichte
Rechtlicher Status für Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach Deutschland übersiedeln. Bis 1993 "Aussiedler", danach "Spätaussiedler" (§4 BVFG). Der Status garantiert die deutsche Staatsbürgerschaft und Integrationsleistungen. Voraussetzung: Nachweis deutscher Volkszugehörigkeit und seit 1996 ein Sprachtest.
Die größte Gruppe der Russlanddeutschen. Nachfahren der Siedler, die ab 1764 an der unteren Wolga (Gouvernement Saratow) Kolonien gründeten. Dialekt: hessisch-pfälzisch geprägt. Konfession: überwiegend evangelisch-lutherisch und katholisch. Hatten 1924–1941 eine eigene Autonome Republik mit Hauptstadt Engels.
Deutsche Siedler im Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres (heutige Südukraine). Angesiedelt ab 1804 unter Alexander I. Dialekt: schwäbisch geprägt. Bekannte Kolonien: Odessa, Cherson, Mariupol. Im Zweiten Weltkrieg teilweise von der Wehrmacht "umgesiedelt", danach von der Sowjetunion deportiert.
Sowjetisches System der Zwangsarbeit für Russlanddeutsche 1941–1946. Alle Arbeitsfähigen (Männer 15–55, ab 1943 auch Frauen) wurden in Arbeitslager eingezogen: Kohlebergwerke, Holzfällerlager, Eisenbahnbau. Sterblichkeitsrate bis 30%. Kein Sold, keine Entlassung, keine Nachricht an Familien. De facto Strafarbeit ohne Urteil.
System der Sondersiedlung 1941–1955/56. Alle deportierten Russlanddeutschen mussten sich regelmäßig bei der örtlichen Kommandantur melden. Verlassen des zugewiesenen Wohnorts war verboten — bei Strafe von 20 Jahren Gulag. Aufgehoben nach Adenauers Moskau-Reise 1955.
Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, 1924–1941. Hauptstadt: Engels (früher Pokrowsk). Ca. 600.000 Einwohner, davon ca. 60% Deutsche. Eigenes Theater, Pädagogische Hochschule, deutschsprachige Zeitung "Nachrichten". Am 28. August 1941 per Erlass aufgelöst.
Niederdeutsche Sprache der Mennoniten. Entstanden im Weichseldelta (Westpreußen), weiterentwickelt in den Kolonien am Schwarzen Meer. Heute noch von ca. 400.000 Menschen weltweit gesprochen — in Deutschland, Kanada, USA, Paraguay und Bolivien. Seit 2010 von der UNESCO als gefährdete Sprache anerkannt.
Bezeichnung für die deutschen Siedlungen im Russischen Reich. Keine Kolonien im imperialistischen Sinn, sondern landwirtschaftliche Siedlungen mit weitgehender Selbstverwaltung. Viele benannt nach den Herkunftsorten der Siedler: Straßburg, Mannheim, Basel, Zürich. Insgesamt entstanden über 3.000 deutsche Kolonien.
Erlass vom 22. Juli 1763, mit dem Zarin Katharina II. europäische Siedler nach Russland einlud. Versprochene Privilegien: freie Religionsausübung, 30 Jahre Steuerbefreiung, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung, kostenlose Landzuteilung. Aufgehoben 1871 unter Alexander II.
1945 eingerichtetes Durchgangslager bei Göttingen (Niedersachsen). Aufnahmestation für Kriegsgefangene, Vertriebene und Spätaussiedler. Seit 1945 über 4 Millionen Menschen aufgenommen. In den 1990ern zentraler Ankunftsort für russlanddeutsche Aussiedler. Heute Museum und Gedenkstätte.
Russisch: "Faust" — abwertende sowjetische Bezeichnung für angebliche "Großbauern". In den deutschen Kolonien traf der Begriff fast jeden, da Kolonisten im Vergleich zur russischen Landbevölkerung wohlhabender waren. Entkulakisierung ab 1929: Enteignung, Deportation nach Sibirien oder Erschießung.
Sowjetische Behörde für Visa und Registrierung (ОВИР). Zuständig für Ausreiseanträge. Für Russlanddeutsche die zentrale — und gefürchtete — Anlaufstelle ab den 1970ern. Anträge konnten jahrelang ohne Begründung abgelehnt werden. Antragsteller riskierten sozialen und beruflichen Ausschluss.
Netzwerke, Vereine und Anlaufstellen
Die größte und älteste Organisation. Seit 1950 Interessenvertretung und Anlaufstelle — mit über 130 Orts- und Kreisgruppen bundesweit. Sitz in Stuttgart.
lmdr.de besuchen → VerbandDie Stimme der jungen Generation. Kulturelle Identität, politische Teilhabe und Bildungsprojekte. Landesgruppen in 9 Bundesländern.
jsdr.de besuchen → JugendFördert Kunst, Literatur und kulturelle Projekte. Vergibt den Russlanddeutschen Kulturpreis, unterstützt Nachwuchskünstler und bewahrt das kulturelle Erbe.
kulturstiftung.org besuchen → KulturVon Ira Peter und Edwin Warkentin. Geschichten über Identität, Erinnerungskultur und Integration — für Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte. Alle zwei Wochen eine neue Folge.
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