Zeitleiste · 1763 bis heute

Geschichte

260 Jahre in zwölf Stationen — vom Einladungsmanifest 1763 bis zur Aussiedlung von 2,5 Millionen Spätaussiedlern.

1763
Portrait Katharina II. von Fedor Rokotov, 1763 — Jahr des Einladungsmanifests

Katharinas Einladung

Zarin Katharina II. — selbst eine Deutsche aus Anhalt-Zerbst — erlässt das Einladungsmanifest. Tausende Deutsche aus Hessen, der Pfalz, dem Rheinland und Schwaben folgen dem Ruf. Sie erhalten Land, Religionsfreiheit und 30 Jahre Steuerbefreiung. Die ersten Siedlungen entstehen an der Wolga.

1800–1900
Weizenfeld — Steppe

Blütezeit der Kolonien

Die deutschen Siedlungen wachsen zu prosperierenden Gemeinden. Über 3.000 Kolonien entstehen — mit eigenen Schulen, Kirchen, Zeitungen und Selbstverwaltung. Die Wolgadeutschen, Schwarzmeerdeutschen und Kaukasiendeutschen entwickeln jeweils eigenständige Kulturen. Deutsche Landwirte gelten als die fortschrittlichsten im ganzen Russischen Reich.

1871
Kolonisten verlassen ihre Siedlungen

Aufhebung der Privilegien

Zar Alexander II. hebt die Sonderrechte der deutschen Kolonisten auf. Russifizierungspolitik und allgemeine Wehrpflicht beginnen. Eine erste Auswanderungswelle setzt ein — vor allem Mennoniten ziehen nach Kanada, Brasilien und Paraguay. Doch die Mehrheit bleibt und passt sich an.

1914–1917
Zerstörtes Dorf während des Ersten Weltkriegs

Erster Weltkrieg & Revolution

Der Krieg gegen Deutschland macht die Russlanddeutschen zu Verdächtigen im eigenen Land. Die "Liquidationsgesetze" von 1915 drohen mit Massenenteignung. Die Revolution 1917 stoppt die Deportationspläne — bringt aber neues Chaos. Bürgerkrieg, Hungersnöte und Anarchie verwüsten die Kolonien.

1924
Deutsche Kolonistenstadt an der Wolga

Autonome Republik der Wolgadeutschen

Die Sowjetunion gründet die ASSR der Wolgadeutschen — die einzige deutsche Autonomie auf russischem Boden. Hauptstadt: Engels (ehemals Pokrowsk). Eigene Schulen, Theater, eine deutschsprachige Zeitung "Nachrichten" und ein Pädagogisches Institut entstehen. Für 17 Jahre lebt die Hoffnung auf eine gesicherte Zukunft.

1929–1933
Verdorrtes Ackerland — Hungersnot 1932

Kollektivierung & Hungersnot

Stalins Zwangskollektivierung trifft die als "Kulaken" gebrandmarkten deutschen Bauern besonders hart. Vieh, Land und Vorräte werden beschlagnahmt. 1932/33 sterben Zehntausende in der Hungersnot. Kirchen werden zu Lagerhäusern umfunktioniert, Geistliche in den Gulag deportiert. Die Große Säuberung 1937/38 vernichtet die russlanddeutsche Intelligenz.

28. August 1941
Gleise — Symbol der Deportation

Stalins Deportationserlass

Der Erlass "Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben" ordnet die totale Deportation an. In nur 24 Stunden müssen Familien ihr gesamtes Leben in einen Koffer packen. Viehwaggons bringen über 900.000 Menschen nach Sibirien und Kasachstan. Die ASSR wird aufgelöst. Kinder werden von Eltern getrennt. Viele überleben den Transport nicht.

1941–1955
Kohlemine — Zwangsarbeit in der Trudarmee

Trudarmee & Sondersiedlung

Alle arbeitsfähigen Russlanddeutschen zwischen 15 und 55 Jahren werden in die Arbeitsarmee (Trudarmee) eingezogen. Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen: Kohlebergwerke, Holzfällerlager, Eisenbahnbau. Die Sterblichkeitsrate liegt bei bis zu 30%. Familien bleiben jahrelang getrennt. Bis 1955 stehen alle Russlanddeutschen unter Kommandanturaufsicht — de facto Gefangene im eigenen Land.

1955
Diplomatisches Treffen im Kreml 1955

Adenauers Moskau-Reise

Bundeskanzler Konrad Adenauer verhandelt in Moskau die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Als Nebeneffekt wird die Kommandanturaufsicht über die Russlanddeutschen aufgehoben. Doch eine Rückkehr an die Wolga bleibt verboten. Das Vermögen — Häuser, Land, Betriebe — wird nie zurückgegeben. Die Rehabilitation bleibt ein Versprechen.

1970er–1980er
Koffer am Bahnsteig — Ausreise

Die Ausreisebewegung

Immer mehr Russlanddeutsche stellen Ausreiseanträge — und riskieren damit alles. Antragsteller werden als "Verräter" gebrandmarkt, verlieren Arbeit und Wohnung. Manche warten 10 Jahre und länger. Die Bewegung wird zur Massenbewegung. Kirchengemeinden und Familienbriefe halten die Verbindung nach Deutschland am Leben.

1990–2000
Deutsche Kleinstadt — Die neue Heimat

Die große Aussiedlung

Der Eiserne Vorhang fällt — und die größte Migrationsbewegung der deutschen Nachkriegsgeschichte beginnt. Allein 1994 kommen über 213.000 Spätaussiedler. Insgesamt siedeln rund 2,5 Millionen Russlanddeutsche nach Deutschland über. Das Grenzdurchgangslager Friedland wird zum Symbol: Hier beginnt das neue Leben. Koffer, Tränen, Hoffnung — und der Geruch von deutschem Brot.

Heute
Junge Menschen auf einer Brücke — Ankommen

Angekommen — und doch besonders

Russlanddeutsche sind heute fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft — in Sport, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Gleichzeitig bewahren viele ihre einzigartige Identität als Brückenbauer zwischen Ost und West. Eine junge Generation entdeckt ihre Wurzeln neu: mit Podcasts, Dokumentarfilmen und Social Media. Die Geschichte wird endlich erzählt — von denen, die sie leben.

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