Aussiedler / Spätaussiedler
Rechtlicher Status für Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach Deutschland übersiedeln. Bis 1993 "Aussiedler", danach "Spätaussiedler" (§4 BVFG). Der Status garantiert die deutsche Staatsbürgerschaft und Integrationsleistungen. Voraussetzung: Nachweis deutscher Volkszugehörigkeit und seit 1996 ein Sprachtest.
Wolgadeutsche
Die größte Gruppe der Russlanddeutschen. Nachfahren der Siedler, die ab 1764 an der unteren Wolga (Gouvernement Saratow) Kolonien gründeten. Dialekt: hessisch-pfälzisch geprägt. Konfession: überwiegend evangelisch-lutherisch und katholisch. Hatten 1924–1941 eine eigene Autonome Republik mit Hauptstadt Engels.
Schwarzmeerdeutsche
Deutsche Siedler im Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres (heutige Südukraine). Angesiedelt ab 1804 unter Alexander I. Dialekt: schwäbisch geprägt. Bekannte Kolonien: Odessa, Cherson, Mariupol. Im Zweiten Weltkrieg teilweise von der Wehrmacht "umgesiedelt", danach von der Sowjetunion deportiert.
Trudarmee (Arbeitsarmee)
Sowjetisches System der Zwangsarbeit für Russlanddeutsche 1941–1946. Alle Arbeitsfähigen (Männer 15–55, ab 1943 auch Frauen) wurden in Arbeitslager eingezogen: Kohlebergwerke, Holzfällerlager, Eisenbahnbau. Sterblichkeitsrate bis 30%. Kein Sold, keine Entlassung, keine Nachricht an Familien. De facto Strafarbeit ohne Urteil.
Kommandanturaufsicht
System der Sondersiedlung 1941–1955/56. Alle deportierten Russlanddeutschen mussten sich regelmäßig bei der örtlichen Kommandantur melden. Verlassen des zugewiesenen Wohnorts war verboten — bei Strafe von 20 Jahren Gulag. Aufgehoben nach Adenauers Moskau-Reise 1955.
ASSR der Wolgadeutschen
Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, 1924–1941. Hauptstadt: Engels (früher Pokrowsk). Ca. 600.000 Einwohner, davon ca. 60% Deutsche. Eigenes Theater, Pädagogische Hochschule, deutschsprachige Zeitung "Nachrichten". Am 28. August 1941 per Erlass aufgelöst.
Plautdietsch
Niederdeutsche Sprache der Mennoniten. Entstanden im Weichseldelta (Westpreußen), weiterentwickelt in den Kolonien am Schwarzen Meer. Heute noch von ca. 400.000 Menschen weltweit gesprochen — in Deutschland, Kanada, USA, Paraguay und Bolivien. Seit 2010 von der UNESCO als gefährdete Sprache anerkannt.
Kolonie
Bezeichnung für die deutschen Siedlungen im Russischen Reich. Keine Kolonien im imperialistischen Sinn, sondern landwirtschaftliche Siedlungen mit weitgehender Selbstverwaltung. Viele benannt nach den Herkunftsorten der Siedler: Straßburg, Mannheim, Basel, Zürich. Insgesamt entstanden über 3.000 deutsche Kolonien.
Manifest Katharinas II.
Erlass vom 22. Juli 1763, mit dem Zarin Katharina II. europäische Siedler nach Russland einlud. Versprochene Privilegien: freie Religionsausübung, 30 Jahre Steuerbefreiung, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung, kostenlose Landzuteilung. Aufgehoben 1871 unter Alexander II.
Grenzdurchgangslager Friedland
1945 eingerichtetes Durchgangslager bei Göttingen (Niedersachsen). Aufnahmestation für Kriegsgefangene, Vertriebene und Spätaussiedler. Seit 1945 über 4 Millionen Menschen aufgenommen. In den 1990ern zentraler Ankunftsort für russlanddeutsche Aussiedler. Heute Museum und Gedenkstätte.
Kulak
Russisch: "Faust" — abwertende sowjetische Bezeichnung für angebliche "Großbauern". In den deutschen Kolonien traf der Begriff fast jeden, da Kolonisten im Vergleich zur russischen Landbevölkerung wohlhabender waren. Entkulakisierung ab 1929: Enteignung, Deportation nach Sibirien oder Erschießung.
OWIR
Sowjetische Behörde für Visa und Registrierung (ОВИР). Zuständig für Ausreiseanträge. Für Russlanddeutsche die zentrale — und gefürchtete — Anlaufstelle ab den 1970ern. Anträge konnten jahrelang ohne Begründung abgelehnt werden. Antragsteller riskierten sozialen und beruflichen Ausschluss.